Das Geheimnis der Bibliothekarin

Leseprobe

Prolog

Alarm! Laut schallte der Voralarm, der aus drei Tönen hintereinander bestand, durch die Straßen. Schlaftrunken stolperten sie aus dem Bett und zogen hastig ihre Schuhe an. Vorsorglich hatten sie in ihrer Alltagskleidung geschlafen. Draußen herrschte noch Dunkelheit. Sie griffen mechanisch ihre immer gepackten Koffer und hetzten los. Angetrieben durch den kurzen Voralarm, liefen sie so schnell sie konnten, um die schützenden Wände des Neckarvorlandbunkers noch zu erreichen. In der Eingangstür wartete der Bunkerwart und signalisierte, sie sollten sich beeilen, da die Tür gleich geschlossen werde und dann war kein Hineinkommen mehr. Schwer atmend erreichten sie den rettenden Eingang, der direkt nach ihnen fest verschlossen wurde, da bereits Tiefflieger unterwegs waren. Ein Mann führte sie durch einen schmalen, schummrig beleuchteten Gang, der in einem größeren Raum endete. Unschlüssig standen sie dort und suchten nach geeigneten Plätzen, die der Vater schließlich für sie fand. Kaum hatten sie sich niedergelassen, als draußen die Welt zu explodieren schien. Martin zitterte und drückte sich enger an seine Mutter, die den Arm fest um ihn legte. Er war gerade mal acht Jahre alt und hatte einen blonden Lockenkopf, blitz-blaue Augen, die normalerweise aufgeweckt in die Welt schauten, und ein lustiges Grübchen im Kinn. Momentan jedoch war sein kleines Gesicht puterrot vom schnellen Laufen und seine blonden Haare klebten verschwitzt am Kopf.

Tapfer versuchte er die Tränen zurückzuhalten, da die Geräusche, die von außen hereindrangen, ihn maßlos erschreckten. So ganz gelang ihm das nicht und eine Träne lief die Wange hinunter. Er schluckte ein paar Mal heftig hintereinander, dann hatte er sich wieder gefangen. Liebevoll strich ihm seinen Mutter über die feuchten Haare und der Vater tätschelte ihm beruhigend die Schulter. Martins Mutter war noch sehr jung, klein und mollig und hatte ein liebevolles, rundes Gesicht von blonden Locken umsäumt und ihre hellblauen Augen blickten ein wenig verträumt in die Welt. Sein Vater hingegen war ein großer, stattlicher Mann mit einem länglichen Gesicht, das von einem kantigen Kinn dominiert wurde. Er war stets korrekt gekleidet und mit seinen dunklen Haaren und den braunen Augen wirkte er immer etwas streng, nur wenn er auf seinen Sohn blickte, wurde sein Ausdruck milder.

Der Raum, indem sie sich aufhielten, war nur diffus erhellt und vollgestopft mit Menschen, die ungeordnet und durcheinander auf Stühlen saßen, an der Wand ringsumher standen oder auf Decken auf dem Boden lagen. Die Luft im Bunker war schwer von den unterschiedlichen Ausdünstungen der vielen Menschen. Obwohl so viele zusammengedrängt saßen, standen und lagen, herrschte Totenstille. Man hörte nur das Ticken von Weckern, die einige mitgebracht hatten. Die meisten starrten mit schreckgeweiteten Augen blicklos vor sich hin. Die bedrohlichen Geräusche von außen wurden lauter und deutlicher. Man konnte die herannahenden Flugzeuge hören und das Hämmern der Luftabwehr, die eine Salve nach der anderen abfeuerte. Danach folgten schrecklich laute Detonationen. Die ganze Bunkeranlage schwankte im Bombenhagel mit. Die abgeworfenen Bomben hatten offensichtlich ihre Ziele erreicht und ganze Häuserzeilen in Schutt und Asche gelegt. Angst hielt die Menschen weiter in ihrem Bann, niemand sprach auch nur ein Wort. Manche hielten ihre Augen geschlossen, so als könnten sie damit dem Inferno entfliehen. Andere falteten die Hände zu einem tonlosen Gebet.

Plötzlich drangen neue Geräusche herein. Was war denn das? „Das hört sich an, als sei ein Flugzeug direkt neben dem Bunker auf die Neckarwiese abgestürzt“, teilte der Bunkerwart leise mit. Angstvoll blickte Martin seinen Vater an, der ihm beruhigend über den Rücken strich. Er holte aus der mitgebrachten Tasche, die die letzten Wochen immer gepackt mit dem Nötigsten im Flur stand, eine Flasche mit Wasser und reichte sie dem Kleinen. Martin trank einen großen Schluck und fühlte sich ein bisschen besser. Seine Mutter wickelte eine Decke um ihn und bald war Martin erschöpft eingeschlafen. Damals wusste er es noch nicht, aber diese Geräusche würden ihn ein Leben lang begleiten. Jenseits von diesem Ort und dieser Zeit würden sie in seine Träume und Albträume eindringen und ihn an diesen Schrecken erinnern.

Martin war heute 83 Jahre alt. Immer öfter, wenn in einem stillen Zimmer eine Uhr laut tickte, wähnte er sich wieder im Bunker. Er vermeinte sogar, die vielen stummen Menschen rundherum zu spüren und diesen eigenartigen Geruch zu riechen. Ein Gefühl der Angst kroch dann langsam seine Eingeweide empor, machte seinen Hals und die Brust eng. Verängstigt schloss er die Augen, atmete tief durch und machte sich bewusst, dass der Krieg lange vorbei war. Langsam verflogen die Gespenster der Vergangenheit und er befand sich wieder in der Gegenwart.

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