Späte Rache rostet nicht

Leseprobe

1 - Barbara

Donnerstag, Mitte Februar 
Sobald sie ihren Namen nannte, wusste Barbara Herzig, was sie gleich hören würde.
„Sind Sie so herzig wie Sie heißen?“
Ihre Antwort wechselte – je nach Stimmung – zwischen „Ganz und gar nicht“ oder „Probieren Sie es aus, wenn Sie sich trauen!“
Am Empfang im Foyer der Seniorenresidenz Abendfrieden wagte allerdings niemand, mit einer solchen Bemerkung auf ihren Namen einzugehen. Barbara musste zugeben, dass ihr jetzt etwas fehlte. Einfach nur, um mit einer frechen Antwort die vornehme Stille aufzulockern, während sie auf das Willkommensgespräch mit der Geschäftsführerin wartete.
Barbara fiel es nicht leicht, im letzten Teil des Lebens, dem Goldenen Herbst, wie man ihn so schmeichelnd umschrieb, anzukommen. Sie fröstelte und hatte das Gefühl, als käme geradewegs ein eiskalter Winter auf sie zu.
„Es tut mir leid, Frau Herzig“, die junge Frau am Empfang schob ihr eine schwarzglänzende Ledermappe mit Informationen über den Abendfrieden und ihren neuen Heimatort Schönau, ein Vorort von Mannheim, zu, „unsere Heizung wird heute überprüft und musste vorübergehend abgeschaltet werden. Aber in einer Stunde ist alles wieder mollig warm. Ich begleite Sie jetzt zum Kaminzimmer. Frau von Stetten wird Sie dort persönlich begrüßen!“
Doch Barbara winkte ab. „Geben Sie meinem alten Gehirn eine Chance, sich anzustrengen. Ich versuche, dieses Kaminzimmer alleine zu finden. So lerne ich auch das Haus kennen!“
Die Empfangsdame beschrieb ihr die Richtung und Barbara machte sich mit hängenden Schultern und ebensolchen Mundwinkeln auf den Weg. Orientierung war keine ihrer Stärken. „Die Treppe hinauf in den ersten Stock, den Flur entlang geradeaus, dann rechts. Sie können es nicht verfehlen“, hieß es.
„Kindchen, du hast keine Ahnung, was ich schon alles verfehlt habe.“ Barbara hatte sich den Kommentar verkniffen und war losgelaufen. Nervosität in Energie umzusetzen war noch immer die beste Lösung.
Als sie vor drei Monaten den Mietvertrag unterschrieben hatte, war ihr alles richtig vorgekommen. Doch jetzt, bei jedem Schritt Richtung Kaminzimmer, war sie überzeugt, dass es vollkommen falsch war, hier einzuziehen, obwohl die zartgelbe Tapete mit den weißen und silbernen Streifen eher an einen Hotelflur erinnerte. Den Teppichboden dagegen, mit seinem verwirrenden Mustermix aus Gelb-, Braun- und Orangetönen, fand sie ausgesprochen hässlich. „Hier kann man als zittrige Alte unbesorgt mit Tomatensoße und Orangensaft herumkleckern“, dachte sie sich. Wie immer in Stresssituationen oder Momenten, wo sie sich hilflos fühlte, half ihr schwarzer Humor, Gefühlsausbrüche zu vermeiden.
Auch die Erinnerung an ihre Wohnung half. Das Dach war kaum gedämmt und die Sommer in den letzten Jahren unerträglich geworden. Das Bad war nicht altersgerecht – und weit und breit niemand, der handwerkliche Fähigkeiten hatte, die sie zu ihren Gunsten hätte kostengünstig einsetzen können. Nach einem besonders langen Sommer hatte sie eine Anzeige gelesen:
Neuerbautes Seniorendomizil in einem lebendigen Vorort Mannheims, Fußbodenheizung, elektrische Rollläden, Bibliothek, Sportmöglichkeiten in Waldnähe, Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel, Bahnhof gut erreichbar.
Kurzentschlossen hatte sie ihre Wohnung verkauft und in eine altersgerechte Wohnung investiert: Seniorenresidenz Abendfrieden. Der Name klang heimelig und friedlich. Für Barbaras Ohren zu friedlich. So, als wolle man sich hinlegen und nie wieder aufstehen. Von außen sah das Gebäude wie ein langweiliges, mehrstöckiges Mietshaus aus, doch je mehr sie davon sah, desto begeisterter war sie.
Das Foyer empfing die Besucher mit einem Eingangsbereich in hellem Kiefernholz, schwere Ledersofas in Burgunderrot zwischen großen Kübelpflanzen und künstlichen Orchideen warteten auf Besucher. Gleich daneben lud die Infotafel „Bewohner für Bewohner“ zu Veranstaltungen ein. Es gab einen Garten, einen Zugang zu einer öffentlichen Cafeteria mit Kiosk und ein Restaurant mit Menüwahl.
Für Barbara war es wichtig, nicht fernab ins ländliche Dorf zu ziehen. Ab und zu ein Besuch im Theater oder Museum musste möglich sein. Der Ort mit dem vielversprechenden Namen Schönau bot eine Bücherei, ein Café, eine Pizzeria und einen Wochenmarkt. Ärzte für jedes Zipperlein waren in der Mannheimer Innenstadt leicht und bequem zu erreichen.
Gerade jetzt fühlte sie sich besonders alt: gefühlte 100 +, obwohl sie bisher nur wegen eines neuen Hüftgelenks ein Krankenhaus von innen gesehen hatte. Ab und zu hüpfte ihr Blutdruck und der Rücken ächzte, aber sonst war sie gut in Schuss. Und doch ließ es sich nicht schönreden, egal wie man es betrachtete: das Gefühl eines aufregenden Neuanfangs stellte sich nicht ein, als sie ihre Habe in Umzugskartons packte. Es war die vorletzte Wohnstätte ihres irdischen Lebens, vor dem Umzug zur allerletzten Ruhestätte.
Ja, es war eine reine Vernunftentscheidung gewesen, in den Abendfrieden zu ziehen. Eine der wenigen, die sie in ihrem Leben getroffen hatte. Die unzähligen Entscheidungen aus dem Bauch heraus waren oft genug falsch gewesen.
Versunken in unerfreuliche Gedanken war Barbara die Stufen in den ersten Stock hinaufgeeilt und hatte dann aber nicht mehr darauf geachtet, wohin sie ging. Der Flur endete vor einer Glastür und einer Treppe, die wieder hinunter in den Garten führte. Keine Spur von einem Kaminzimmer.
Peinlich, peinlich. Sie würde zurück zum Empfang gehen und den Senioren-Begleit-Service doch in Anspruch nehmen müssen. Rechts von ihr öffnete sich eine Tür. Eine junge Frau mit einem blonden Pferdeschwanz, einen Stapel zartgelber Tischdecken unter den Arm geklemmt, sah sie fragend an.
„Ja, Kindchen, Sie können mir helfen“, platzte es aus Barbara, wie sie zugeben musste etwas patzig, heraus, „ich bin die Neue hier und suche das Kaminzimmer!“
„Herzlich willkommen im Abendfrieden“, bekam Barbara mit strahlendem Lächeln zur Antwort, „kein Problem, folgen Sie mir bitte unauffällig!“
Barbara bemühte sich, Schritt zu halten. Neidisch betrachtete sie den Hüftschwung der jungen Dame, die schlanken Fesseln, Knöchel ohne Wassereinlagerungen … Wie aufregend musste es erst aussehen, wenn sie statt in flachen Gesundheitsschuhen auf hohen Hacken hier entlangstöckelte?
„Hier, das ist unser Kaminzimmer. Und keine Sorge, in der ersten Woche verlaufen sich alle.“
Barbara seufzte. „Tut mir leid, dass ich so unfreundlich war. Das war respektlos und unhöflich. Ich heiße Barbara Herzig. Und nein – wie Sie selbst gemerkt haben – ich bin nicht immer herzig.“
„Ich bin Lily. Lily Merz. Ich bediene im Speisesaal. Sie werden sich bei uns wohlfühlen. Ich suche Ihnen einen Tisch mit netter Gesellschaft.“
Barbara wollte ihr gerade hinterherrufen, dass sie am liebsten alleine essen würde, doch sie schimpfte sich selbst einen alten Feigling und drückte stattdessen energisch die Türklinke. Natürlich ohne vorher anzuklopfen.
Das Kaminzimmer vermittelte ein wohliges Gefühl. Ein altmodisches Chaiselongue und zwei Sessel in abgewetztem, schilfgrünem Cordsamt standen vor dem Kamin, in dem sogar ein Feuer brannte. Auf dem kleinen Tisch standen drei Teegedecke und eine Schale mit Keksen, denen man ansah, dass sie zucker- und fettarm waren – so mager und unglücklich sahen sie aus.
In einem der Sessel saß eine ältere Frau, das graue Haar zu einem Knoten hochgesteckt. Sie trug einen grauen Pullover zu einer grauen Hose und kauerte in der Ecke.
„Sicher nicht die Geschäftsführerin“, dachte Barbara, murmelte „Hallo“ und wollte sich vorstellen: „Barbara Herzig und nein, heute fühlte ich mich nicht besonders herzig“, als sich die Tür öffnete und eine große, hagere Frau mit energischen Schritten hereinkam. In ihrem glatten, schwarzen Haar schimmerten lila Strähnen. Die Brille war ihr bis zur Nasenspitze gerutscht, ein Stapel Papiere klemmte unter ihrem rechten Arm. Barbara sah noch schnell das Telefon in der linken Tasche ihres marineblauen Blazers verschwinden. Sie sah auch den gehetzten Ausdruck auf dem Gesicht, der sich wie auf Knopfdruck in ein geschäftsmäßiges Lächeln verwandelte.
„Frau Barbara Herzig und Frau Thea Klemmer! Ich freue mich, Sie beide hier im Haus Abendfrieden begrüßen zu dürfen!“
Frau von Stetten setzte sich, nachdem sie beiden kräftig die Hand geschüttelt hatte, griff zur Teekanne und schenkte ein, ohne nachzufragen, ob Tee überhaupt genehm sei.
„Wenigstens wirft sie uns nicht ungefragt Zuckerstücke hinein“, dachte Barbara bissig. Stattdessen schob Frau von Stetten ihnen den Teller mit Keksen zu.
„Greifen Sie zu. Haferkekse! Ohne Zucker! Von unserem hauseigenen Backkreis selbst gebacken“, sagte sie stolz, obwohl sie kaum selbst den Teig gerührt hatte.
„Das wäre doch auch etwas für Sie!“
Barbara sah, dass Frau von Stetten auf ihre zustimmende Begeisterung gierte. Oh nein, das wäre nichts für sie – ganz sicher nicht!
„Ich habe seit Jahren nicht mehr gebacken. In der Nähe meiner Wohnung gab es ein wunderbares Café mit himmlischen Torten!“
Auch vorher war sie keine begeisterte Bäckerin gewesen. Genau wie Kochen, Putzen, Bügeln und Fensterputzen hasste sie alle Arten von Hausarbeiten, doch als sie sah, dass der andere Neuzugang brav nach einem Keks griff, nahm auch sie einen, biss hinein und zog anerkennend die Augenbrauen nach oben. Frau von Stetten lächelte erleichtert.
„Über die vielen Möglichkeiten, die Ihnen Haus Abendfrieden bietet, haben Sie sich ja schon vor Ihrem Einzug ausreichend informiert. Vielleicht schnuppern Sie einfach in alles einmal unverbindlich hinein. Der morgendliche Frühsport, unser Töpferkurs und …“
Barbaras Gedanken schweiften ab. Sie musterte Thea Klemmer. Wenn sie einen Menschen zum ersten Mal traf, verglich sie ihn immer mit einem Tier. Es half ihr, sich den Namen besser zu merken. Hier saß eindeutig eine Maus. Klein, grau und unscheinbar, aber mit wachen Augen, die neugierig hin- und herhuschten. Bisher hatte sie kaum ein Wort gesprochen und hielt den Blick meistens auf ihre Hände gesenkt, die gefaltet im Schoß lagen. Thea Klemmer, die Maus. 
„… einen Sticknachmittag“, Frau von Stetten wies begeistert auf die hässliche, bestickte Tischdecke in Orange und Gelb, „und natürlich haben wir auch …“
Frau von Stetten war eindeutig ein Huhn, nein, eine magere Truthenne. Ihr Kopf bewegte sich ruckartig hin und her. Und ja, Barbara wusste genau, was jetzt nach dem Stickkurs kam.
„… Seidenmalerei!“ Frau von Stettens Stimme war schrill vor Begeisterung. 
„Gibt es ein Musikzimmer?“, fragte Thea, die Maus, plötzlich so energisch, dass Frau von Stetten ihr einen erstaunten Blick zuwarf.
„Nein, das nicht. Aber wir haben einen Flügel im Foyer, der bei Feierlichkeiten genutzt wird. Und wir haben einen wunderschönen Garten. Allerdings, er ist zweigeteilt, wissen Sie? Die Blumenbeete und der Rasen werden von den Bewohnern gepflegt, um Sträucher und Bäume kümmert sich ein Gärtner. Nun ja, er ist etwas eigen, was die Bepflanzung angeht. Natürlich ist Gartenarbeit für ältere Menschen sehr förderlich, aber wie gesagt, unser Herr Gärtner …“
Der Rest der Beschreibung des eigensinnigen Gärtners schwebte frei durch den Raum in Richtung Kamin, wo sich die Worte im Feuer auflösten. Barbara konnte sich schon denken, dass der Gärtner die Nase voll hatte von Laien, die ihm Ratschläge für sein gepflegtes Grün geben wollten.
Thea zuckte enttäuscht mit den Schultern und starrte wieder stumm zu Boden.
„Was für eine Art Sport bieten Sie denn“, fragte Barbara, um das Gespräch in eine andere Richtung zu leiten, „Power-Walking? Tai-Chi, Tae Bo?“
Frau von Stettens Wangen färbten sich rosa. „Nun, es gibt hier eine Gymnastikgruppe für Damen, äh, fortgeschrittenen Alters. Die meisten sind nicht mehr so beweglich wie Sie und, äh, nun ja, wir bevorzugen eine sanfte Art der Körperertüchtigung, also eher …“
Ob Frau von Stetten jemals einen Satz vollständig beenden würde?
„… also kein Kickboxen“, sagte Barbara nachdenklich, was Frau von Stetten das zweite Stirnrunzeln abrang.
Die Maus warf ihr einen scheuen Seitenblick zu, als erwarte sie, dass Barbara gleich, gefolgt von martialischen Schreien, um sich schlagen würde.
„Einmal pro Woche fährt unser Hausbus ins Thermalbad nach Bad Dürkheim, wenn das vielleicht …“, Frau von Stetten spielte ihre letzte Karte aus.
„Ja, das ist gut für meine Hüfte“, Barbara hatte plötzlich Mitleid mit der eifrigen Frau von Stetten und beschloss, etwas freundlicher zu werden. Der Gedanke, sich zum Schwimmen fahren zu lassen, stimmte sie milde. Endlich etwas nach ihrem Geschmack.
Frau von Stetten war sichtlich erleichtert: „Ach ja, unser Theaterangebot hätte ich beinahe vergessen zu erwähnen. Die Teilnehmerliste finden sie immer Anfang des Monats an der Wand mit den Hausinfos! Dann wünsche ich Ihnen beiden noch einen angenehmen Nachmittag. Und nicht vergessen: am ersten Donnerstag jeden Monats, also auch heute, gibt es ab 18 Uhr ein Büfett mit freier Platzwahl, damit sich Bewohner und Neuankömmlinge zwanglos beschnuppern und kennenlernen können!“
„Ich bin noch nicht ganz eingerichtet“, antwortete Barbara ausweichend, „das kann noch etwas dauern!“
Mit einem letzten verzweifelten Lächeln schob Frau von Stetten ihre Papiere zusammen und entfernte sich eiligen Schrittes. Ihr Telefon surrte eindringlich.
Aufatmend füllte Barbara der Maus und sich selbst Tee nach und hielt ihr den Teller mit den Keksen unter die Nase.
„Es geht nichts über Selbstgebackenes! Vorausgesetzt, ich muss nicht selbst backen.“ Die Maus rang sich ein winziges Lächeln ab, bevor sie zu einem zweiten Keks griff.
„Mit dem Musikzimmer haben Sie die Gute vollkommen geschockt. Ich bin mir sicher, Sie meinten nicht nur ein Zimmer mit einem Radio?“
Der krümelige Keks in ihrem Mund hielt sie davon ab, weiterzureden. Einer ihrer wenigen Fehler: Sie musste pausenlos reden, wenn sie aufgeregt und unsicher war.
„Nein“, wisperte Thea, „ich habe früher Geige gespielt. Ist schon ein paar Jahre her, aber ich hatte gehofft, jetzt wieder zum Üben zu kommen und vielleicht eine Begleitung am Klavier zu finden. Na ja, ist wohl zu viel verlangt.“
„Vielleicht findet sich jemand … Ein Klavier gibt es ja schon. Hängen Sie doch einen Zettel an die Infotafel im Foyer. ‚Bewohner für Bewohner‘ heißt das wohl.“
Noch bevor sie es ganz ausgesprochen hatte, wusste sie schon, dass die scheue Maus so etwas sicher nicht tun würde.
„Gleich ums Eck sozusagen ist die städtische Bibliothek“, sprach Barbara weiter, „ich will mich noch diese Woche anmelden. Kommen Sie doch mit! Ganz in der Nähe soll es auch eine Eisdiele geben, da könnten wir einen Cappuccino trinken. Wäre doch für den Anfang nicht so übel, oder?“
Die Maus piepste Unverständliches und huschte davon. Der Beginn einer langen Freundschaft schien das nicht gerade zu sein. Barbara schenkte sich Tee nach. Sie fröstelte wieder.

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